Winterreise

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„Johannes Held ist ein Bariton mit festem, leuchtenden Kern und packender expressiver Kraft“

Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten vom 23.01.2017

„Ausdrucksstark und wild und gleichzeitig so still; so viel Herz und Schmerz; ich glaube, das war die beste Winterreise bis dato.“

Camilla Dal, Gefle Dagblad, Schweden
Kritik des Konzert in Sandviken/Schweden (auf Schwedisch): hier

„The Idea Machine“

Blogeintrag zur Produktion von Lucy van Cleef: hier (auf Englisch)

„Intensive Frosterkundung im Irgendwo“

Artikel zur Produktion von Bernd Heiden: hier

Winterreise staged

Seit 2014 arbeite ich an einem besonderen Projekt. In Zusammenarbeit mit Regisseur Ebbe Knudsen, Illustator Jörn Kaspuhl und Pianist Daniel Beskow entstand eine szenische Version von Schuberts Winterreise: Winterreise staged.

24 Lieder – zusammen sind sie der größte und berühmteste Zyklus des Genres. Winterreise staged unternimmt den Versuch den Blick auf Lieder zu verändern: Wie gestalten wir sie als Ausführende? Wie hören wir Lieder und was sehen wir auf der Bühne? Wir wollten uns lösen von dem, was formal den Rahmen vorgibt. Wollten keinen Frack, keine heilige, starre Konzertsituation. Unsere Version zeigt den Wanderer draußen im Schnee – einen jungen Mann, der seine Stadt verlassen muss, weil seine Geliebte eine bessere Partie gemacht hat. Er sucht nach einem Weg aus dem Schmerz durch eine frosterstarrte Winterwelt.

Der große Unterschied zwischen unserer szenischen Winterreise und dem klassischen Zugang zu diesem Zyklus zeigt sich in zwei Elementen: Der Präsenz zweier Menschen auf der Bühne – und der Bühne selbst.

1. Die Präsenz zweier Menschen auf der Bühne

Wo ist der Sänger? Wie bewegt er sich und was tut er? Wo befindet sich der Pianist in Verhältnis zum Sänger und was ist sein Verhältnis zum Stück? Findet ein Austausch zwischen den beiden statt? Aus der Aufführungstradition heraus beantwortet wäre die Antwort auf alle diese Fragen: „Im Grunde geht es darum nicht. So lange die physische Präsenz der Ausführenden das Publikum nicht stört, ist es egal, was sie tun.“ Mir scheint das eine Verschwendung von Potential zu sein. Als Bühnenkünstler will ich auch für Lieder alles einsetzen, das ich auch für jede andere Performance nutzen würde. In jedem Lied findet sich die die Möglichkeit sich mit dem lyrischen Ich zu verbinden und ein Stück weit an seine Stelle zu treten. Das Lied einfach nur zu „rezitieren“ und nicht auch physisch am Geschehen Teil zu nehmen, macht es dem Zuhörer schwerer in die Welt der Lieder einzutauchen.

2. Die Bühne

Wenn das expressive Potential der Ausführenden voll ausgeschöpft wird, braucht es nichts weiter, um einen wunderbaren Liederabend zu erleben. Trotzdem haben wir uns entscheiden mit diesem Projekt einen Schritt weiter zu gehen. Jörn Kaspuhl hat sieben Bilder geschaffen, die im Laufe des Abends enthüllt werden. Mit jedem abgenommenen Bild, das auf dem Boden zum Liegen kommt, wächst vor den Augen des Publikums eine Schneelandschaft heran. Mit jedem Bild wechselt die Szene, gleichzeitig wird der Schnee immer undurchdringlicher. Und der Sänger hat die Chance sich mit den Motiven auseinanderzusetzen und auf sie zu reagieren.

Der Wanderer sieht das, was um ihn herum vor sich geht und findet Parallelen zwischen den Bildern draußen und den Emotionen in ihm. Das Publikum folgt ihm auf seinem Weg. Ein gefrorener Fluss mit einer starken Strömung unter dem dicken Eis scheint ihm ein gutes Bild für sein Herz, das sich panzern musste, um nicht zu bersten und gleichzeitig einen reißenden Strom der Gefühle birgt. Solch einfache Bilder, in Kaspuhls kraftvoller Illustation, machen es für das Publikum leicht sich mit dem Wanderer zu identifizieren. Wir schreiben 2015 und trotzdem verstehen wir auf emotionaler Ebene, ganz direkt, die Gefühlswelt eines Menschen im Jahre 1828, der seine Liebe verloren hat.

Nicht jedes Lied hat sein eigenes Bild. Vielmehr helfen die Illustrationen, dem großen Zyklus eine Struktur zu geben. Schubert komponierte zuerst die ersten 12 Lieder und dann die zweite Hälfte. Und auch wir gehen von zwei Hälften aus: Beide starten mit dem Bild eines Bahnhofs, eines Ortes von dem wir abreisen und weitergehen möchten, ein Nicht-Ort, der nur Durchgang ist zu unserem Ziel, selbst wenn wir das noch nicht kennen sollten. Nach dem Bahnhof sehen wir das Hauptbild der ersten Hälfte: Den Lindenbaum. Ein Symbol für die guten Zeiten. Das Rauschen seiner Blätter folgt dem Wanderer, auch wenn er den Ort schon lange hinter sich gelassen hat („Und immer hör‘ ich‘s rauschen / Du fändest Ruhe dort“). Eine Veränderung bringt das vorletzte Lied der ersten Hälfte, der Frühlingstraum. Er zeigt uns im Schlaf einer schöne, bunte, warme Welt. Kraftvolle Farben geben Hoffnung in der kalten Winterwelt aus Schwarz und Weiß. Wie ein Dominant-Akkord steht dieses Bild nur für die Dauer eines Liedes, um sich in das letzte Lied der ersten Hälfte aufzulösen: Mit Einsamkeit kehren wir an den Bahnhof zurück, sind im Kreise gegangen und müssen neu aufbrechen. Mit der Krähe wird dann das Hauptbild der zweiten Hälfte erreicht. Der Begleiter schwebt „treu“ über dem Kopf des Wanderers, der in den Nebensonnen dann noch einen letzten Blick auf die Geliebte wirft: Hier sehen wir wieder das vorletzte Bild, wieder kommen Farben und die Erinnerung an eine gute Vergangenheit in den Sinn, um dann weiterzugehen in Richtung des letzten Motivs: Der Leiermann weist einen Weg in eine ungewisse Zukunft.